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Soziales Engagement: 2024 unterstützt Axonlab das Namutumba Community Hospital in Uganda

  • 19.5 Minuten Lesedauer
  • Geschrieben von Fabienne Turrian
  • Unternehmen

Interview mit Job Zilaba, Mitbegründer des Namutumba Community Hospital in Uganda

Axonlab (A): Job, erzählen Sie uns Ihren Lebensweg. Sie kommen aus Uganda, leben und arbeiten in der Schweiz und haben in Ihrem Heimatland Uganda ein Spital gegründet. Können Sie uns auf die Reise mitnehmen, die Sie in den letzten Jahren gemacht haben? Was waren die wichtigsten Meilensteine?

Job Zilaba (JZ): Die Reise zur Gründung des Namutumba Community Hospital (NCH) begann vor einigen Jahren, als ich als Sozialarbeiter im Namutumba-Distrikt tätig war. In dieser Funktion hatte ich engen Kontakt zur Bevölkerung, insbesondere zu Frauen und Kindern, und befasste mich mit Fragen der Gesundheit und Bildung. Die dringlichste Herausforderung war die Müttersterblichkeit – Mütter starben bei der Geburt, weil der gesamte Bezirk mit seinen über 200’000 Einwohnern kein funktionierendes Krankenhaus hatte. Obwohl wir bei der Regierung Vorschläge für ein Krankenhaus eingereicht hatten, wurde diese Idee nie weiterverfolgt.

Eines Nachmittags setzten bei einer Mutter, die unser Büro aufsuchte, die Wehen ein. Wir organisierten einen Transport, der sie ins 40 Kilometer entfernte Iganga-Krankenhaus brachte. Während der Fahrt stellte eine erfahrene Mutter, die uns begleitete, fest, dass sich das Baby in der falschen Geburtsposition befand. Ein chirurgischer Eingriff war die einzige Lösung. Die Entfernung zum Krankenhaus sowie die fehlende unmittelbare Versorgung machten deutlich, dass wir dringend ein Krankenhaus in unserer Gemeinde brauchten. In diesem Moment entstand die Idee für das Namutumba Community Hospital.

Als ich meiner Mutter, die selbst eine ähnliche Geburtssituation erlebt hatte, von meiner Vision erzählte, spendete sie sofort 5’000 € für den Kauf eines Grundstücks für das Krankenhaus. Die Gemeinschaft steuerte Sand und Ziegelsteine bei, während ich mein Gehalt für den Kauf von Zement aufwendete. Die Aussicht auf einen Arbeitsplatz motivierte viele Gemeindemitglieder, sich freiwillig an der Aufbauarbeit dieses Projekts zu beteiligen.

2010 zog ich zu meiner Frau in die Schweiz. Trotz der Befürchtung, dass mein Weggang aus Uganda das Projekt zum Stillstand bringen würde, blieb ich meiner Vision treu. Ich hoffte, in der Schweiz eine Stelle zu finden und somit die Gemeinschaft vom Ausland aus unterstützen zu können. Nachdem ich ohne Erfolg 450 Bewerbungen geschrieben hatte, gab ich fast auf. Doch dann bot mir das Inselspital Bern eine Stelle als Pflegehelfer auf der Intensivstation an. Diese Stelle wurde zum Wendepunkt und ermöglichte es mir, mein Einkommen in das Krankenhaus-Projekt in meiner Heimat zu investieren.

Der Weg war allerdings nicht einfach. Ich setzte meinen gesamten Monatslohn für das Projekt ein, nahm Kredite auf, startete Crowdfunding-Kampagnen und suchte in meinem persönlichen Netzwerk nach Sponsoren. Während viele meinen Traum als unmöglich abtaten, hielt ich an meiner Überzeugung fest, mein Traum eines Tages Wirklichkeit werden würde.

Der grosse Durchbruch kam, als ich ein ugandisches Abendessen organisierte und Arbeitskollegen dazu einlud. An diesem Anlass erhielt ich meine erste bedeutende Spende. Prof. Stephan Jakob, Direktor der Klinik in der ich arbeitete, spendete persönlich 40 Betten und koordinierte später über das Inselspital weitere Spenden. Mit diesen Geldern konnten wir das Krankenhaus mit einem Labor, einem Operationssaal und schliesslich zwei Ambulanzen ausstatten. Dank dieser Unterstützung konnte das Namutumba Community Hospital im Sommer 2021 offiziell eröffnet werden, und bereits am ersten Tag wurden über 1’000 Patienten behandelt.

Heute versorgt das Krankenhaus nicht nur den Namutumba-Distrikt, sondern auch die benachbarten Distrikte. Wir haben die Zahl der Müttersterblichkeit drastisch gesenkt, indem wir den Müttern eine nahe gelegene, rund um die Uhr erreichbare Gesundheitseinrichtung zur Verfügung gestellt haben, die eine Alternative zu unsicheren Hausgeburten darstellt.

Das Krankenhaus hat sich auch wirtschaftlich positiv auf die Gemeinde ausgewirkt. Das Krankenhaus hat indirekt über 1’000 Arbeitsplätze geschaffen – für Motorradtransporteure, Lebensmittelverkäufer, Bauarbeiter, Gelegenheitsarbeiter und Bauern.

Vor kurzem haben wir dank der grosszügigen Unterstützung von Axonlab Säuglingsinkubatoren und Wärmestrahler für unsere Neugeborenenabteilung angeschafft. Es gibt jedoch weitere Herausforderungen. Unsere chirurgische Abteilung verfügt derzeit über nur einen OP-Saal, in dem alle Eingriffe durchgeführt werden müssen. Wenn der Hauptsaal belegt ist, sind wir gezwungen, provisorische Alternativen einzurichten, was sowohl für die Patienten als auch für das Personal mit erheblichen Unannehmlichkeiten verbunden ist.

Aus diesem Grund bemüht sich das NCH um finanzielle Unterstützung für den Bau von vier zusätzlichen Operationssälen mit Aufwachräumen. Diese Erweiterung wird es uns ermöglichen, die wachsende Nachfrage nach chirurgischen Leistungen – insbesondere nach orthopädischen Eingriffen – zu befriedigen, die aufgrund von Verkehrsunfällen zunimmt.

Unser Weg ist noch lange nicht zu Ende, aber die Fortschritte, die wir bisher gemacht haben, geben uns Hoffnung für die Zukunft.

A: Wie viele Betten gibt es im Namutumba Community Hospital?
JZ: Das Namutumba Community Hospital verfügt über insgesamt 45 Betten, die sich auf mehrere Stationen verteilen, z. B. die Notaufnahme, die Kinderstation, die Frauen- und Männerstation und die Entbindungsstation.

Wir bieten auch ambulante Dienste wie zahnärztliche Dienste, Radiologie und Ambulanzdienste an.

 

A: Wie viele Ärzte, Krankenpfleger und Verwaltungsmitarbeiter arbeiten im Namutumba Community Hospital?
JZ: Das Namutumba Community Hospital wird von einem Team aus 20 medizinischen Fachkräften sowie 7 Verwaltungs- und 7 Hilfskräften betreut und unterstützt.


A: Ist es einfach, neue Mitarbeitende für das Namutumba Community Hospital zu finden?
JZ: Qualifizierte und erfahrene Mitarbeiter sind in Uganda relativ leicht zu finden, aber sie haben ihren Preis. Im Namutumba Community Hospital sind wir finanziell eingeschränkt, so, dass wir nur begrenzt in der Lage sind, die von uns benötigten hochqualifizierten Mitarbeitenden einzustellen.

Derzeit benötigen wir dringend einen Gynäkologen und einen Kinderarzt in Vollzeit. Aufgrund von Budgetbeschränkungen können wir es uns jedoch nur leisten, beide auf Teilzeitbasis zu beschäftigen – nur einen halben Tag, zweimal pro Woche. Leider reichen die Einnahmen aus den Patientenbeiträgen und die wenigen Spenden, die wir aus der Schweiz erhalten, nicht aus, um das Krankenhaus auf dem von uns angestrebten Niveau zu betreiben.

 

A: Was sind die grössten Herausforderungen für das Krankenhaus in der täglichen Arbeit?
JZ: Unter den vielen Herausforderungen, die uns beim NCH begegnen, ist die schwierige Finanzierungssituation eine der grössten. Angesichts der ländlichen Lage der Gemeinde, in der die meisten Menschen von der Subsistenzlandwirtschaft leben, hat die Bevölkerung nur sehr wenig Geld für die Gesundheitsversorgung zur Verfügung. Etwa 80 % unserer Patienten kommen in schlechtem Zustand ins Krankenhaus. Uns gelingt es zum Glück oft, ihren Gesundheitszustand zu stabilisieren, aber viele sind nicht in der Lage, für die Leistungen zu bezahlen.

Dies führt dazu, dass das Krankenhaus mit finanziellen Belastungen zu kämpfen hat, z. B. bei der Beschaffung von Medikamenten und Laborreagenzien, bei der Bezahlung der Gehälter des Personals und bei der Deckung der Wasser- und Stromrechnungen. Hinzu kommt, dass 99 % unserer Patienten nicht krankenversichert sind. Um hier Abhilfe zu schaffen, befindet sich die Krankenhausleitung in der Endphase der Entwicklung einer Gemeinschaftsversicherung mit dem Namen „LIP“, inspiriert von unserem Motto „Life is Passionate“.

 

A: Wie oft sind Sie selbst vor Ort? Was sind Ihre Aufgaben, wenn Sie vor Ort sind?
JZ: Ich fliege 3 Mal pro Jahr nach Uganda. Neben unseren regelmässigen Online-Meetings ist es auch notwendig, mit dem Vorstand, den Mitarbeitenden und den Patienten vor Ort zu sprechen. So erfahre ich, mit welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten die Mitarbeitenden und Patienten konfrontiert sind. Zudem ist es sehr wertvoll für mich, Anregungen und Ideen von unseren Mitarbeitenden und Patienten zu erhalten. 

 

A: Sie arbeiten seit mehreren Jahren als Pflegehelfer an der Universitätsklinik für Intensivmedizin in Bern. Können Sie Ihre Erfahrungen aus dem Gesundheitsbereich in der Schweiz ins Namutumba Community Hospital einfliessen lassen?
JZ: Das Umfeld und die Arbeit auf der Intensivstation in Bern ist mit derjenigen im NCH nicht vergleichbar. Vor allem die Qualität der Investitionen in Infrastruktur, Personal und medizinische Ausrüstung ist an meinem Schweizer Arbeitsort auf einem Niveau, das selbst das ganze Land Uganda mit seinen über 40 Millionen Einwohnern noch nicht erreicht hat.

Im Namutumba Community Hospital werden neben der medizinischen Versorgung durch das Pflegepersonal auf den Stationen auch die Angehörigen der Patienten in die Pflege einbezogen. Dies ist ein Vorgehen, das man auf der Intensivstation in Bern nicht findet, wo alle Aspekte der Pflege - von der medizinischen Behandlung bis zur Patientenhygiene - ausschliesslich von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden.

A: Das Namutumba Community Hospital wurde im Sommer 2021 eröffnet. Wo steht das Krankenhaus jetzt, drei Jahre nach der Eröffnung? Welche Ziele hatten Sie sich gesetzt, als Sie das Krankenhaus eröffneten, und wo steht es heute in Bezug auf diese Ziele?
JZ: Als wir das Krankenhaus im Jahr 2021 eröffneten, lag unser Hauptaugenmerk auf dem Namutumba-Distrikt. Wir sind jedoch überwältigt von der steigenden Zahl der Patienten aus den benachbarten Distrikten, was für die Qualität der Versorgung und der Dienstleistungen unserer Mitarbeitenden spricht.

Unser ursprüngliches Ziel war es, uns auf die Gesundheit von Müttern und Kindern, Malaria und häufige Infektionskrankheiten zu konzentrieren. In den letzten drei Jahren sind wir jedoch auf ein breiteres Spektrum von Gesundheitskomplikationen gestossen, darunter Diabetes, orthopädische Probleme und radiologische Bedürfnisse. Unser ursprüngliches Ziel, vor allem Mütter mit Problemen bei der Geburt (z. B. Kaiserschnitt) und Kinder zu betreuen, entwickelt sich immer mehr dahingehend, weitere medizinische Bereiche abzudecken. Auch der Aspekt, unsere Dienstleistungen über den Namutumba-Distrikt hinaus anzubieten, wird immer wichtiger. 

 

A: Was war für Sie das schönste oder beeindruckendste Erlebnis in den letzten drei Jahren seit der Eröffnung des Krankenhauses?
JZ: Da gibt es zwei Erlebnisse, und sie geschahen zur gleichen Zeit:
Zwei Patienten kamen zur gleichen Zeit ins Krankenhaus: eine Mutter mit Wehen und ein schwerkrankes Kind, das dringend eine Bluttransfusion benötigte. Das Kind war kaum noch am Leben. Vier Stunden später verlangte das Kind nach Nahrung, und auf der Entbindungsstation wurde die Mutter angeleitet, wie sie ihr Neugeborenes stillen konnte.

Ich war von Freude überwältigt, so sehr, dass ich laut rief: „Endlich klappt es!“. In diesem Moment habe ich gemerkt, wie sehr es sich gelohnt hat, die letzten Jahre so intensiv für dieses Projekt zu kämpfen. Einige Jahre zuvor hätte ich mir nicht vorstellen können, diese drei Leben zu retten: die Mutter, ihr Neugeborenes und das Kind, das die Transfusion benötigte.

 

A: Wie schaffen Sie es, die beiden Welten, in denen Sie arbeiten, unter einen Hut zu bringen? Ich stelle mir vor, dass der Alltag in einem Schweizer Universitätsspital dem Alltag im Namutumba Community Hospital in Uganda diametral entgegengesetzt ist. Oder täusche ich mich und es gibt durchaus Gemeinsamkeiten?
JZ: Um die Kluft zwischen den beiden Welten zu überbrücken, ist es wichtig, die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern zu verstehen. In der Schweiz wird zum Beispiel ziemlich schnell - auch schon bei geringen Beschwerden – ein Arzt aufgesucht.

In der anderen Welt, in Uganda, ist es genau umgekehrt. Die Menschen warten oft, bis sich ihr Zustand verschlimmert hat oder bereits kritisch ist, bevor sie einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen. Es ist unüblich, im Voraus zu planen oder Termine zu vereinbaren - die Patienten kommen in der Regel einfach herein und erwarten sofortige Behandlung.

Ein weiterer Unterschied betrifft die Behandlungskosten: In der Schweiz gibt es Krankenversicherungen, die für die Kosten einer Behandlung in einem Krankenhaus aufkommen. Im Gegensatz dazu sind in Uganda die Familien für die Bezahlung der Rechnungen verantwortlich. Wenn eine Familie sich die Behandlung im NCH nicht leisten kann, findet die Rechnung schlussendlich den Weg zu mir, damit ich genehmigen kann, dass das Krankenhaus für die Behandlungskosten aufkommt.  

 

A: Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft des Namutumba Community Hospital?
JZ: Ich wünsche mir, dass das NCH mehr finanzielle Mittel und eine bessere Ausstattung erhält, damit wir die Armen auf der Intensivstation behandeln können. Derzeit ist die Intensivbehandlung in Uganda nur für die wenigen Glücklichen zugänglich, die es sich leisten können. Das NCH liegt im Herzen Ost-Ugandas und dient als Tor für Patienten, die nach Kampala reisen, um Spezialisten aufzusuchen. Wenn wir gut ausgestattet sind, könnten wir sowohl Patienten als auch Fachärzte ins NCH locken und so die Notwendigkeit solch langer Reisen verringern.

Aufgrund unseres Standorts und der begrenzten medizinischen Ausrüstung, über die wir bereits verfügen, haben Studenten verschiedener Einrichtungen den Wunsch geäussert, ehrenamtlich in unserer Klinik zu arbeiten. Sie möchten gerne Erfahrungen mit den medizinischen Geräten sammeln, die an ihren Ausbildungsstätten nicht zur Verfügung stehen. Dies eröffnet die Möglichkeit, in Zukunft eine eigene Ausbildungsstätte zu errichten, die auch als Zentrum für Forschung und grössere Laboreinrichtungen dienen könnte.

 

Mehr über das Namutumba Community Hospital erfahren: www.nch.ug

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