Technischer Fortschritt in einer Arztpraxis
- 6 Minuten Lesedauer
- Geschrieben von Axonlab
- Arztpraxis
Ein Interview mit Priska Burri

Seit wann bist du MPA?
Die Ausbildung zur diplomierten Arzthelferin habe ich 1994 begonnen und im Sommer 1995 kam ich in meine erste Arztpraxis. Der Beruf war damals noch nicht staatlich anerkannt und so besuchte ich eine Privatschule in der man im ersten Jahr Theorieunterricht bekam und im Anschluss den praktischen Teil als Praktikum in einer Arztpraxis absolvierte. Im Jahre 1996 fingen die ersten MPAs mit Ihrer Ausbildung an. Diese ist seitdem eine dreijährige Lehre.
Welche Analysen wurden früher mit anderen Techniken gemacht?
In meiner Ausbildung wurde noch der Quick „gehökelt“. In der Arztpraxis hatten wir aber schon ein Gerät, indem man während der Analyse weglaufen konnte. Das war ein sich drehendes Röhrchen in dem ein Kügelchen an einer Schnur befestigt war. Sobald das Blut dann anfing zu gerinnen, zog es das Kügelchen weg und eine Lichtschranke wurde ausgelöst, welche dann die Zeit stoppte.
Die Zellzählung für Leukozyten und Thrombozyten war früher auch ganz anders. Diese wurde manuell durchgeführt, indem man das Blut in Zellkammern mit Reagenzien auftrug und unter dem Mikroskop alle Zellen im Raster zählte. Dies dauerte pro Blut schnell mal 30 Minuten. Und mit dem Lange-Küvettentest haben wir mittels Nasschemie klinische Chemie Analysen gemacht. Erste Analyser, wie z.B. der Reflotron gab es damals schon, den hatte ich in der Praxis aber noch nicht. Viel wurde auch in das externe Labor eingeschickt, z.B. das CRP weil die damaligen Methoden zu ungenau waren. Später erst haben wir das CRP und das HbA1c mit dem Nycocard Reader gemessen.
Einige wenige Schnelltests gab es auch schon, z.B. der Schwangerschaftstest.
Der Zeitaufwand damals war riesig im Vergleich zu heute. Für viele Analysen musste man damals die Reagenzien auch erst auflösen und die Geräte auf die jeweilige Analyse mit speziellen Faktoren einstellen. Also haben wir alle Proben gesammelt und ab 16:00 Uhr angefangen, diese im Labor zu bearbeiten. Und zwar nicht Patient für Patient, sondern nach Analysen sortiert. Zuerst alle Bilirubine, etc.
Wie wurden damals interne und externe Qualitätskontrollen gemacht?
Den externen Ringversuch gab es schon und wir haben dort bereits 4x im Jahr teilgenommen. Interne Qualitätskontrollen waren damals aber noch nicht die Regel. Teilweise hat man Doppelbestimmungen gemacht, aber dies war auch eine weitere Zeit- und Kostenfrage. Beim Quick und bei der Zellzählung haben wir immer Doppelbestimmungen gemacht.


Wie hat der technische Fortschritt deinen Berufsalltag verändert?
Es hat sich sehr verändert. Dank der elektronischen Krankengeschichte kann man nun endlich die Arztschrift lesen (sie lacht). Das beruht sicher auch auf Gegenseitigkeit. Somit kann man auch besser Auskunft geben, wenn Patienten Rückfragen haben. Auch die Ordnung in den Dokumenten ist nun chronologisch sortiert. Früher hatte man zum Teil 10cm dicke Krankengeschichtsbücher und musste Unterlagen suchen.
Labortechnisch habe ich nun viel mehr Zeit für viel mehr Analysen. Früher hätte ich nie so viel Labor an einem Tag machen können wie heute. Das hätte man schlichtweg nicht geschafft. Auch dass die Geräte nun das Ergebnis automatisch in die elektronische KG übertragen, ist eine riesige Erleichterung und minimiert die Fehlerquelle - sofern man die Patienten ID korrekt eingetragen hat.
Früher haben wir Berichte noch mit der Schreibmaschine geschrieben. Wenn es sehr viel Schreibfehler drin hatte, musste man den Bericht eben nochmals schreiben. Dort hat der Computer die Arbeit sehr erleichtert. Mit der elektronischen KG auch nochmals mehr, denn man kann den Text direkt übernehmen und muss allenfalls noch ein Sätzchen dazuschreiben. Und dann geht der Bericht auch nicht mehr auf die Post, sondern mittels geschützter Hin-Adresse per Mail.
Auch das digitale Röntgen hat den gesamten Prozess verändert. Man benötigt jetzt keine Dunkelkammer mehr und keine Reagenzbäder, welche alle drei Monate gewechselt werden mussten. Und die Röntgenbilder können per CD mitgegeben werden. Wir hatten sogar einen Fön in der Praxis, damit ich dringende Röntgenbilder trockenföhnen konnte.
Gibt es auch negative Seiten des Fortschritts?
Durch den Fortschritt hat sich sehr viel in unserem Beruf verändert. Trotz allem haben administrative Arbeiten stark zugenommen. Krankenkassen stellen Rückfragen, Patienten schreiben Mails, usw. Der Anspruch vom Patient selbst hat auch sehr zugenommen.
Im Praxislabor ist es heute nur noch ein Bedienen von Maschinen. Wenn dir das Pipettieren und Messen damals Spass gemacht hat, dann fehlt dir das heute ein wenig. Ich sehe aber auch, dass es heute gar nicht mehr anders geht.